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Erfolgreich wehren
#11
(16.04.2018, 13:16)Planumsputzer schrieb: Nur haben mMn die Unis dabei auch zu verlieren, wenn den Studenten klarer gemacht würde, wie die Berufsaussichten im Fach dann nach mehreren Jahren Studiums für die Mehrheit der Absolventen aussehen wird. Da könnte sich schon ein entsprechender "Schwund" an Studenten einstellen - Idealistenfach hin oder her. Und welcher Lehrstuhlinhaber möchte schon gerne seinen Zöglingen nachdrücklich und schonungslos ehrlich ins Gesicht sagen (lassen), dass die Karriere als Archäologe außerhalb des Staatsdienstes zu einer hohen Wahrscheinlichkeit bedeutet, unter dem Sicherheits- und Lebensstandard auch der einfachsten Hilfsarbeiter existieren zu müssen und das, obwohl hier anspruchsvolle Arbeit (körperlich wie geistig) zu leisten ist. 

Meiner Erfahrung nach versuchen ganz im Gegenteil viele LehrstuhlinhaberInnen ganz bewusst und vorsätzlich, StudienanfängerInnen vom Archäologiestudium abzuschrecken; manchmal sogar mit krassen Übertreibungen, wie "schlecht" es angeblich "draußen" außerhalb der Unis ist. Und zwar überhaupt nicht aus Böswilligkeit oder um "lästige" Studierende loszuwerden und sich mehr ihrer Forschung widmen zu können, sondern primär aus dem wirklich ehrlichen Wunsch heraus, StudienanfängerInnen davor zu schützen, Jahre oder gar über ein Jahrzehnt in eine Ausbildung zu investieren, die ihnen im Endeffekt beruflich "nix" bringt, weil es einfach "im Fach" nicht genug (gute oder schlechte) Jobs für alle AbsolventInnen gibt. Das Problem stellt sich von Lehrendenseite eher so dar, dass trotz all dieser "Abschreckungsmaßnahmen" nicht genug StudienanfängerInnen aufhören und "etwas Vernünftiges" studieren gehen, sondern trotz aller Abschreckungsversuche in die Archäologie verbeißen, in der Hoffnung es doch irgendwie zu schaffen und den von ihnen erträumten guten Job in der Archäologie zu bekommen.

Und das alles ist schon seit langem so: als ich 1987 in Wien zu studieren begann, begann die erste Lehrveranstaltung mit einer "Einführung" durch die Lehrende, die im Endeffekt daraus bestanden hat, dass sie in deutlich mehr Worten als ich hier wiedergebe gesagt hat: "Sie sind 40, im ganzen Land gibt es 100 ArchäologInnenjobs, jedes Jahr werden maximal 2-3 davon frei. Sie können sich ihre Chancen selbst ausrechnen, einen davon zu bekommen; ich rate Ihnen also allen, sofort das Urgeschichtestudium abzubrechen und etwas anderes zu studieren, weil sonst sind sie ihr Leben lang arbeitslos". Und sie hatte weitgehend recht: von den 40, die mit mir gemeinsam angefangen haben, haben jetzt, mich mitgezählt, 4 einen "echten" Job "im Fach", und meiner ist im Ausland - trotzdem die Anzahl der Archäologenjobs in Österreich in den seither vergangenen 30 Jahren von etwa 100 auf etwa 1.000 angestiegen ist, sich also verzehnfacht hat. Aber selbst dieser Anstieg ist weitgehend nutzlos, weil sich auch die Zahl der StudienanfängerInnen pro Jahr seit meiner Studienzeit wenigstens verdoppelt hat; und daher heute auch nicht mehr als einer pro Zehn einen Job im Fach ergattert, während 9 von 10 ihr Auskommen in einem anderen Berufsfeld finden müssen...

Liebe Grüße,

Ray
Prof Raimund Karl FSA FSAScot MCIfA
Prifysgol Bangor University
College Road, Bangor, Gwynedd LL57  2DG
United Kingdom
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  • Jasmin Rauhaus
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#12
Hallo raykarl,
da bin ich dann wohl eine Ausnahme. Bei uns am Lehrstuhl wurde das Thema zu meiner Zeit nicht wirklich angesprochen - von Warnungen ganz abgesehen. Die Situation der Studierenden ist aber von Dir gut beschrieben worden: man versucht es halt doch mit dem Mut eines Lottospielers ;)
Was ich mich frage ist aber, weshalb die Unis oder Lehrstühle eben nicht entsprechende Grenzen ziehen und nicht einfch jeden ins Fach lassen. Es ist eine Sache, auf 5-10 freie Stellen im Jahr deutschlandweit 50 oder 60 Abgänger los zu lassen, aber bei den aktuellen Zahlenverhältnissen kann man ja nicht wirklich noch von einem Gewinn für die Wissenschaft sprechen, wenn hunderte Absolventen am "ausgesiebt" werden, um dann eine handvoll Stellen zu besetzen, während der Rest sehen kann, wo er bleibt. 
Da müsste schon zu Beginn des Studiums gegengesteuert werden, etwa, indem die Plätze beschränkt werden.
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